„Net-Zero Valley“ klingt zunächst nach einer Region, die klimaneutral werden soll. Darum geht es jedoch nur mittelbar.
Was ein Net-Zero Valley auszeichnet
Der europäische Net-Zero Industry Act verfolgt ein industriepolitisches Ziel. Europa soll einen größeren Anteil jener Technologien selbst herstellen, die für die Transformation zur Klimaneutralität benötigt werden. Dazu gehören beispielsweise Elektrolyseure, Batterien, Stromnetztechnik, Windkraftkomponenten, Wärmepumpen und Technologien für klimaneutrale industrielle Prozesse.
Net-Zero Acceleration Valleys sollen für diese Produktion besonders geeignete regionale Entwicklungsräume schaffen. In ihnen sollen Unternehmen, Forschung, Fachkräfte, Flächen und Infrastruktur gezielt zusammengeführt werden. Gleichzeitig sollen Investoren besser begleitet und Planungs- und Genehmigungsverfahren vereinfacht werden.
Es geht also nicht nur um die Nutzung klimaneutraler Technologien. Im Mittelpunkt steht der Aufbau industrieller Wertschöpfung rund um ihre Entwicklung und Herstellung.
Auf einen Blick
- Ein Net-Zero Valley ist kein Klimaneutralitätslabel, sondern ein industriepolitischer Entwicklungsraum.
- Zum Standortvorteil wird es erst, wenn Flächen, Energie, Infrastruktur, Genehmigungen und Investorenansprache verbunden werden.
- Für das Rheinische Revier entscheidet eine verbindliche regionale Governance über die Umsetzung.
Die Chance für das Rheinische Revier
Das Rheinische Revier gehört inzwischen zu den von der Europäischen Kommission aufgeführten Net-Zero Acceleration Valleys.
Die Region bringt dafür wichtige Voraussetzungen mit: eine lange industrielle Tradition, leistungsfähige mittelständische Unternehmen, zahlreiche Forschungs- und Hochschuleinrichtungen, verfügbare Transformationsflächen und eine ausgeprägte Kompetenz in Energie- und Industrietechnologien. Gleichzeitig zwingt der Ausstieg aus der Braunkohleverstromung die Region dazu, neue Wertschöpfung und Beschäftigung aufzubauen.
Für das Net-Zero Valley Rheinisches Revier wurden fünf technologische Schwerpunkte identifiziert:
- Wasserstofftechnologien
- Batterien und Energiespeicher
- Stromnetztechnologien und Ladeinfrastruktur
- Elektro- und Windantriebstechnologien
- Transformative industrielle Technologien
Für das Valley wurden zunächst acht Wirtschaftsflächen ausgewählt: Prime Site Rhine Region (Kreis Euskirchen), Brainergy Park und Rossfeld (Kreis Düren), FUTURE SITE InWEST, Schleiden sowie der Gewerbe- und Industriepark Weißenhaus (Kreis Heinsberg), Aero Park II (Städteregion Aachen) und der Gewerbepark Wesseling-Urfeld (Rhein-Erft-Kreis).
Damit sind technologische Schwerpunkte und mögliche Standorte benannt. Der entscheidende Schritt steht jedoch noch bevor: Aus dieser Auswahl muss ein überzeugendes und tatsächlich nutzbares Angebot für Investoren werden.
Der Standortvorteil liegt in der Verbindung
Industrieansiedlungen scheitern selten an einem einzigen Faktor. Häufig kommen mehrere Engpässe gleichzeitig zusammen.
Eine Fläche kann verfügbar sein, aber über keinen ausreichenden Netzanschluss verfügen. Ein Unternehmen kann investieren wollen, aber keine verlässliche Aussage über Genehmigungszeiten erhalten. Eine Kommune kann ein geeignetes Gebiet anbieten, ohne in die übergeordnete Ansiedlungsstrategie eingebunden zu sein. Fördermöglichkeiten können vorhanden sein, aber nicht zum Zeitplan des Projekts passen.
Der eigentliche Wert eines Net-Zero Valleys liegt deshalb nicht in der regionalen Marke. Er liegt in der Möglichkeit, Prozesse miteinander zu verbinden, die bislang häufig getrennt voneinander bearbeitet werden.
Flächenentwicklung, Energieversorgung, Verkehrserschließung, Genehmigung, Förderung, Fachkräftegewinnung und Investorenansprache müssten als Bestandteile eines gemeinsamen Ansiedlungsprozesses verstanden werden.
Genau daraus könnte ein echter Wettbewerbsvorteil entstehen. Ein Investor erhält dann nicht lediglich den Hinweis auf eine verfügbare Fläche. Er bekommt ein belastbares Gesamtangebot mit klaren Ansprechpartnern, realistischen Zeitplänen und abgestimmten Entscheidungswegen.
Vier Aufgaben entscheiden über die Umsetzung
Damit das Net-Zero Valley diese Wirkung entfalten kann, sind vier Übersetzungsleistungen notwendig.
Erstens: Aus Technologiefeldern müssen konkrete Wertschöpfungsketten werden
Die Benennung von fünf Technologiefeldern schafft Orientierung. Für eine wirksame Ansiedlungsstrategie reicht sie noch nicht aus.
Es muss geklärt werden, welche Teile der jeweiligen Wertschöpfungsketten bereits in der Region vorhanden sind, welche Unternehmen als Anker dienen können und welche Lücken sich durch neue Investitionen sinnvoll schließen lassen. Nicht jede Fläche eignet sich für jede Technologie. Ebenso benötigt nicht jede Investition dieselben Infrastrukturen, Kompetenzen oder Kooperationspartner.
Eine fokussierte Strategie sollte deshalb nicht möglichst viele Themen versammeln. Sie sollte jene Kombinationen identifizieren, bei denen regionale Voraussetzungen und europäische Nachfrage besonders gut zusammenpassen.
Zweitens: Flächen- und Energieplanung müssen zusammengeführt werden
Für die industrielle Transformation wird die Verfügbarkeit von Energie zunehmend zu einem entscheidenden Standortfaktor.
Eine ausgewiesene Wirtschaftsfläche ist für einen Investor nur dann interessant, wenn absehbar ist, wann und in welchem Umfang Strom, Wasserstoff, Wärme, digitale Infrastruktur und gegebenenfalls weitere Medien verfügbar sein werden. Ansiedlungsstrategie und Netzplanung dürfen deshalb nicht nacheinander erfolgen.
Das erfordert frühzeitige Abstimmungen zwischen Kommunen, Wirtschaftsförderungen, Netzbetreibern, Versorgern, Genehmigungsbehörden und potenziellen Investoren. Eine regionale Energieleitplanung könnte hierfür eine gemeinsame Informations- und Entscheidungsgrundlage schaffen.
Sie würde nicht automatisch zusätzliche Netzkapazitäten erzeugen. Sie könnte aber sichtbar machen, wo Bedarfe entstehen, welche Standorte priorisiert werden sollten und welche Infrastrukturinvestitionen dafür rechtzeitig notwendig sind.
Drittens: Die zentrale Anlaufstelle braucht mehr als eine E-Mail-Adresse
Der europäische Ansatz sieht für jedes Net-Zero Valley einen zentralen Ansprechpartner vor. Dieser „Single Point of Contact“ soll Investoren beraten und die erforderlichen Genehmigungsverfahren koordinieren.
Das ist sinnvoll. Seine Wirkung hängt jedoch von der konkreten Ausgestaltung ab.
Eine zentrale Anlaufstelle schafft nur dann einen Vorteil, wenn sie Informationen aus den beteiligten Institutionen verlässlich zusammenführen, Verfahrensstände transparent machen und bei Konflikten eine Klärung herbeiführen kann. Ohne Zugang zu den zuständigen Entscheidungsebenen droht sie zu einer zusätzlichen Schnittstelle zu werden.
Ein One-Stop-Shop ohne Koordinationsfähigkeit ist am Ende nur ein weiterer Briefkasten.
Viertens: Die Region benötigt eine gemeinsame Entscheidungsarchitektur
Das Rheinische Revier besteht aus mehreren Kreisen, zahlreichen Kommunen und einer großen Zahl regionaler Institutionen. Diese Vielfalt ist eine Stärke, weil sie unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven zusammenführt. Sie erhöht zugleich den Koordinationsbedarf.
Nicht jede Investition kann auf jeder Fläche stattfinden. Nicht jedes Vorhaben kann gleichzeitig priorisiert werden. Und nicht jede kommunale Erwartung wird sich in einer regionalen Strategie gleichermaßen berücksichtigen lassen.
Deshalb braucht das Valley eine Governance, die über regelmäßige Abstimmungen hinausgeht. Es muss geklärt sein, wer Prioritäten vorbereitet, wer Entscheidungen trifft, wer Zielkonflikte bearbeitet und wer die Umsetzung nachhält.
Entscheidend ist dabei nicht, eine weitere umfangreiche Gremienstruktur aufzubauen. Gefragt ist eine schlanke und verbindliche Arbeitsweise, die regionale Interessen in konkrete Entscheidungen übersetzt.
„Ein Label schafft noch keinen Standortvorteil. Entscheidend ist, ob Kreis, Kommunen, Wirtschaft und Förderkulisse gemeinsam handlungsfähig werden.“
Ulf C. Reichardt · Die Transformationsagentur
Die Region als gemeinsamer industrieller Standort
Nicht jeder Kreis und nicht jede Kommune im Rheinischen Revier verfügt über eine eigene Universität, ein großes Forschungszentrum oder einen weltweit sichtbaren Industriekonzern. Das muss kein Nachteil sein, wenn die Region ihre Stärken gemeinsam einsetzt.
Der Ansatz des Net-Zero Valleys ermöglicht es, Forschungskompetenzen an einem Ort, geeignete Flächen an einem anderen und industrielle Erfahrung an einem dritten Standort zu einem gemeinsamen Angebot zu verbinden.
Damit verändert sich die Perspektive. Nicht jede Kommune muss alle Voraussetzungen selbst erfüllen. Entscheidend ist, ob das Rheinische Revier insgesamt als handlungsfähiger und verlässlicher Investitionsraum wahrgenommen wird.
Gerade für Standorte, die allein nicht über die Sichtbarkeit großer Metropolen oder etablierter Industriecluster verfügen, kann eine solche regionale Bündelung einen erheblichen Mehrwert schaffen.
Dafür müssen die beteiligten Akteure allerdings bereit sein, nicht nur unter einer gemeinsamen Marke aufzutreten, sondern auch gemeinsam Prioritäten zu setzen.
Wann wird aus dem Valley ein Erfolg?
Der Erfolg des Net-Zero Valleys wird sich nicht an der Zahl der beteiligten Institutionen, veröffentlichten Strategiepapiere oder geführten Abstimmungsgespräche messen lassen.
Entscheidend sind konkrete Ergebnisse:
Werden Investitionsentscheidungen beschleunigt? Entstehen neue Produktionskapazitäten? Können Flächen schneller entwickelt werden? Werden Netzanschlüsse und andere Infrastrukturen rechtzeitig bereitgestellt? Erhalten Unternehmen verlässliche Ansprechpartner und Zeitpläne? Entsteht neue industrielle Wertschöpfung in der Region?
Das Label kann Aufmerksamkeit erzeugen und Türen öffnen. Die eigentliche Arbeit beginnt danach.
Das Rheinische Revier besitzt gute Voraussetzungen, um aus dem europäischen Rahmen einen wirklichen Standortvorteil zu entwickeln. Dafür muss das Net-Zero Valley jedoch mehr sein als eine gemeinsame Außendarstellung. Es muss zu einer regionalen Umsetzungsarchitektur werden.
Wie aus einem gemeinsamen Zielbild verbindliches Handeln entsteht, beschreibt auch der Beitrag „Vom Zielbild zur Governance: Warum Umsetzung an Zuständigkeiten scheitert“. Mit der Frage, wie Projekte in eine gemeinsame Arbeitsstruktur eingebettet werden können, beschäftigt sich außerdem „Strukturwandel braucht ein Betriebssystem: nicht nur Projekte“.

